In unserer globalisierten Welt ist das Thema der kulturellen Identität aktueller denn je. Völker aller Erdteile begegnen und mischen sich, lernen die Eigenheiten der anderen kennen und – vielleicht – schätzen, übernehmen das eine und lehnen das andere ab. Kann man da noch von der Kultur einer ganzen Nation sprechen?
Ich glaube, dass man Kultur nicht allein in der kindlichen Prägungsphase im heimischen Umfeld lernt. Vielmehr tragen wir zahlreiche individuelle kulturelle Elemente in uns, welche wir mit den unterschiedlichsten Menschen teilen. Dabei verbindet uns jedes Bruchstück unserer kulturellen Identität nur mit einer bestimmten Gruppe oder einer einzelnen Person, welche ein Stück unseres Lebens an unserer Seite war und uns währenddessen beeinflusst hat.
Der Versuch, alle Puzzleteile der eigenen individuellen Kultur zu erkennen und die einflussreichsten Begleiter unseres Lebens zu definieren, entwickelt sich leicht zu einer intensiven und sehr aufschlussreichen Selbstanalyse. Das kann – wenn man ehrlich zu sich ist – bisweilen auch unangenehm sein, ruft aber in so vielen Fällen die guten, alten Zeiten wieder in Erinnerung und weckt in uns den Wunsch, alte Freundschaften endlich wiederzubeleben.
Vielleicht aber führt es in einigen Fällen zu der Erkenntnis, dass die „kulturelle Schnittmenge“ mit manchen Lebensabschnittsgefährten (auch nicht-amoureuser Natur) schlicht nicht ausreicht, um im Jetzt einen Kontakt zu rechtfertigen. Dann empfiehlt es sich, die gemeinsamen Erlebnisse in guter Erinnerung zu halten und wie einen Gegenstand mit Erinnerungswert in einer geistigen „Schatulle“ zu verwahren und dort in Ehren zu halten.
Bei näherer Betrachtung meines eigenen Kulturmosaiks stelle ich fest, dass nur wenig „typisch Deutsches“ darin erkennbar ist. Und doch nehmen mich Ausländer häufig als typische Deutsche wahr: Meine relative (!!) Pünktlichkeit, Genauigkeit und, vor allem, eine gewisse Reserviertheit in unbekannten Situationen entsprechen dem, was von den Deutschen erwartet wird.
Ich glaube aber, dass sich durch verschwimmende Grenzen solche kulturellen Stereotype allmählich verlieren werden, da auch diese nicht statisch sind, sondern durch Kumulation aller in der Region zusammenfließenden kulturellen Einflüsse entstehen.
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