Mittwoch, 8. April 2009

Verdrehte Assimilation?

Bin ich eigentlich typisch deutsch? Obwohl ich mich eher als Europäerin denn als Deutsche definiere, frage ich mich oft, inwieweit ich für andere repräsentativ für mein Land stehe.

Die Frage nach der eigenen kulturellen Identität ist nicht leicht zu beantworten, zumal sich der Identitätsbegriff sehr unterschiedlich definieren lässt. Die kulturelle Identität einer Gruppe oder eines Individuums ist nicht nur abhängig vom eigenen Umfeld, von Geschichte und Traditionen, sie ist (wohl im Zuge der Globalisierung) auch immer stärker vom Fremdbild geprägt. Das würde bedeuten, dass ich meine typisch deutschen Eigenschaften und -heiten nicht besäße, weil ich hier aufgewachsen bin, sondern in hohem Maße auch, weil ich weiß, dass man als Deutscher „eben so ist“. Tatsächlich musste ich feststellen, dass ich trotz nicht existenter Busfahrpläne – und entgegen meiner üblichen Gewohnheit – beispielsweise in Brasilien meist überpünktlich zu Treffen mit Brasilianern erschien. Die rechneten natürlich damit und mühten sich, mich nicht allzu lange warten zu lassen. Dass die Pünktlichkeit für mich eine ebenso große Herausforderung war wie für sie, wollte mir aber keiner so recht glauben.

Ich bin überzeugt, mit dieser „verdrehten Assimilation“ nicht alleine zu sein. Da lernt der Latino erst in Europa, Salsa zu tanzen, und der Grieche rühmt sich im Ausland seiner fortschrittlichen Vorfahren, obwohl er in der Heimat nie einen Fuß in eine Ausgrabung gesetzt hat und auch für Philosophie im Grunde nichts übrig hat. Wenn wir uns außerhalb unseres Kulturraums bewegen, tritt die kulturelle Identität in den Vordergrund, und manches Mal überragt sie die persönliche Identität.

Bei jedem Kontakt mit anderen Personen zeichnen wir ein Bild von uns. Und meistens versuchen wir, dieses Bild den Erwartungen und dem Geschmack des Gegenübers anzupassen. Es verlangt ein stoisches Selbstbewusstsein und vielleicht auch ein wenig Egoismus, um völlig unabhängig von der Außenwelt die eigene Identität zu definieren, danach zu leben und sich in jeder beliebigen Situation genau so darzustellen. Ich bezweifle, dass irgendein Mensch auf der Welt diese Konsequenz besitzt – vor allem hoffe ich, dass niemand die Interaktion mit seinen Mitmenschen derart ablehnt! Denn die Bereitschaft zur Anpassung dient nicht immer nur chamäleonhaft dem Selbstschutz. Genauso wie wir aus Höflichkeit die fremden Speisen, die wir von Gastgebern im Ausland angeboten bekommen, annehmen, geben wir ihnen aus Höflichkeit das, was sie von uns wünschen: Die Bestätigung ihrer Vorurteile.

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